In den vergangenen Jahren wurde ich oft gefragt, womit ich mich eigentlich die ganze Zeit beschäftige – und warum es zeitweise so still um mich geworden ist.

Die kurze Antwort wäre: mit künstlicher Intelligenz.

Die ehrliche Antwort ist länger. Denn sie beginnt nicht mit ChatGPT und auch nicht erst in den letzten Jahren. Sie beginnt mit Musik, mit meiner Neugier auf Technologie und mit einer Frage, die mich einen großen Teil meines Lebens begleitet hat:

Was kann ein Werkzeug in einem Menschen auslösen?

Ein Blick in eine andere Zukunft

2019 kam ich zum ersten Mal bewusst mit KI in Berührung. Nicht mit einem Sprachmodell oder einem Bot, der Fragen beantwortet, sondern mit Musik – genauer gesagt mit neuronaler Source Separation.

Ein fertiger Song konnte von einer Software analysiert und in einzelne Bestandteile zerlegt werden: Stimme, Drums, Bass und Instrumente. Das geschah noch nicht spontan während eines DJ-Sets. Man lud einen Track, wartete je nach Rechner eine ganze Weile und bekam anschließend getrennte Spuren zurück. Nicht perfekt, aber gut genug, um zu verstehen: Das hier ist mehr als ein neues Feature. Es ist ein Blick in eine andere Zukunft.

Sampling, Remixing, Producing, DJing, Live-Performance und Mashups bekamen damit eine neue Dimension. Für mich war das kein abstraktes Technikthema. Ich kam aus genau dieser Welt.

Der Finger auf Rec und Pause

Ich war der Junge, der Anfang der Achtziger vor dem Radio saß und Songs auf Kassette aufnahm. Immer mit dem Finger auf Rec und Pause. Immer in der Hoffnung, dass der Moderator nicht in den Anfang des Songs hineinsprach.

So entstanden meine ersten Tapes, meine ersten Mixe und meine ersten Versuche, Musik nicht nur zu hören, sondern selbst zu formen.

In den Neunzigern kam das DJing hinzu. Später wurde aus dieser Leidenschaft mein Beruf, meine Branche und eine Reise durch Clubs, Produktionen, Vertrieb, Produktmanagement, internationale Marken, Messen, Workshops und viele Begegnungen mit Künstlern, Produzenten und Menschen, die Musik machen wollten.

2002 begann meine Arbeit für Numark, Alesis und Akai Professional, später Teil von inMusic. Dort erlebte ich aus nächster Nähe, wie schnell sich Musiktechnologie veränderte.

Ich erinnere mich an frühe digitale DJ-Controller und an die Reaktionen darauf. Viele waren überzeugt, DJs würden niemals ernsthaft mit Computern arbeiten: zu unzuverlässig, zu digital, zu weit entfernt vom „echten“ DJing. Für mich war damals schon absehbar, dass irgendwann nicht mehr die Technik das Problem sein würde.

Und genau so kam es. Der Rechner wurde für viele zum selbstverständlichen Teil des DJ-Setups. Die Werkzeuge änderten sich, die Diskussionen wiederholten sich – und etwas anderes wurde immer wichtiger.

Technologie war nie der eigentliche Punkt

Die Technik selbst war nie das, was mich am tiefsten erfüllt hat. Mich berührte, was sie in Menschen auslösen konnte.

Ich habe auf Messen und Workshops unzählige Menschen erlebt, die zunächst glaubten, Musikmachen sei nur etwas für andere: für Menschen mit Ausbildung, besonderem Talent, einem Studio, viel Geld oder den richtigen Kontakten.

Dann standen sie selbst an einer Teststation. Sie drückten ein Pad, bewegten einen Fader, starteten einen Loop oder legten einen Beat unter eine Melodie. Und plötzlich veränderte sich etwas in ihrem Gesicht.

Aus Staunen wurde Freude. Aus Freude wurde Mut. Und aus Mut wurde Ausdruck.

Dieser Moment war immer ein größerer Antrieb als der beste Deal, die höchste Marge oder der nächste Titel auf einer Visitenkarte. Es war der Moment, in dem ein Mensch merkte: Ich kann da hinein. Ich darf das. Ich kann etwas ausdrücken, obwohl ich bisher dachte, dass ich es nicht kann.

Früher sagte ich manchmal etwas zugespitzt: Ich verkaufe keine Plattenspieler, Controller oder Musikinstrumente. Ich verkaufe den Traum, ein Superstar zu werden – das Gerät gibt es umsonst dazu.

Heute würde ich es anders formulieren: Ich möchte Menschen dabei helfen, Zugang zu ihrem eigenen Ausdruck zu finden.

Und genau hier beginnt für mich die Verbindung zur künstlichen Intelligenz.

Der Junge in Tapachula

Bevor ich dazu komme, muss ich von einem Moment erzählen, den ich nie vergessen habe.

Ich war als Marken- und Firmenrepräsentant bei einem Workshop in Tapachula im Süden Mexikos. Unter den Besuchern war ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt. Er beobachtete unseren Produktdemonstrator, als wäre er vollkommen in das versunken, was dort geschah.

Es war mehr als das übliche Staunen über ein interessantes Gerät. Sein Blick wirkte, als hätte er für einen Moment eine Tür entdeckt, von deren Existenz er vorher nichts wusste.

Später fragte mich seine Mutter nach dem günstigsten Einstieg. Als ich ihr den Preis nannte, sah ich sofort, dass sie ihrem Sohn diesen Wunsch sehr gerne erfüllt hätte – aber auch, dass es für sie nicht möglich war.

Der Junge gewann bei der anschließenden Verlosung keinen Preis. Als er zu weinen begann, traf mich das tief. Gleichzeitig war ich dort nicht nur als Privatperson, sondern als Vertreter eines Unternehmens. Ich musste eine Lösung finden, die ich auch verantworten konnte.

Und plötzlich wusste ich, wofür ich mich all die Jahre durch Verantwortung, Budgets und Hierarchien gearbeitet hatte: damit ich in einem solchen Moment entscheiden konnte. Ohne Rückfrage. Ohne Meeting. Ohne Excel-Tabelle.

Wir stellten aus unseren Vorführgeräten ein kleines Einsteiger-Setup zusammen. Dann bat ich den Jungen auf die Bühne. Mein damaliger Begleiter übersetzte. Ich erklärte ihm, dass unser Unternehmen auf der ganzen Welt Menschen habe, die Produkte testeten, und fragte, ob er ebenfalls einer davon werden wolle.

Er sagte zögerlich Ja.

Dann überreichten wir ihm das Setup: einen kleinen Controller und einen Kopfhörer. Ich sagte ihm, er solle sich melden, wenn er sich damit sicher genug fühle. Dann würden wir sehen, wie es weitergehen könne.

Seine Augen leuchteten. Nicht nur für einen kurzen Moment der Freude. Dieses Leuchten ist mir bis heute geblieben.

Als das Publikum für ihn applaudierte, liefen Menschen zu ihm, gratulierten und freuten sich mit ihm. Seine Mutter sah mich an. In ihrem Blick lagen Dankbarkeit und die Erleichterung eines Menschen, der seinem Kind gern jede Tür öffnen würde, aber nicht jede öffnen kann.

Während ich diese Geschichte aufschreibe, berührt sie mich noch immer.

Als KI plötzlich sprechen konnte

Was hat dieser Moment mit künstlicher Intelligenz zu tun? Für mich sehr viel. Denn Technologie wurde für mich immer dann wirklich interessant, wenn sie Zugang geschaffen hat:

Ende 2022 zeigte man mir zum ersten Mal ChatGPT. Ich fand es beeindruckend – und gleichzeitig befremdlich. Die Vorstellung, mich mit einer Maschine zu unterhalten, fühlte sich zunächst falsch an. Ein echtes Gespräch mit einem Menschen war und ist für mich durch nichts zu ersetzen.

Trotzdem war da wieder dieses Gefühl, das ich aus der Musiktechnologie kannte: an der Kante der Gegenwart zu stehen und zu merken, dass dahinter gerade Zukunft beginnt.

Also beobachtete ich die Entwicklung. Vorsichtig, respektvoll und neugierig, aber nicht naiv.

Im Sommer 2023 begann ich, generative Modelle intensiver auszuprobieren: Sprachmodelle, Bildmodelle und Werkzeuge zur Bildbearbeitung. Die Ergebnisse waren noch voller sichtbarer Fehler. Hände hatten zu viele Finger, Gesichter zerflossen und Details liefen ineinander. Es war leicht, darüber zu lachen. Mir war aber klar, dass es nicht so bleiben würde.

Ich sah die Gefahren: Deepfakes, Manipulation, Täuschung und Bilder, die eine Wirklichkeit behaupteten, die nie stattgefunden hatte. Gleichzeitig sah ich Menschen, die ohne Designausbildung und großes Budget erstmals eine visuelle Idee ausdrücken konnten.

Auch generative Musik machte große Schritte. Aus kurzen Fragmenten wurden vollständige musikalische Entwürfe mit Arrangement, Stimmen und Instrumentierung. Wieder war die Richtung klar.

Verstehen, bevor ich bewerte

Ich wusste: Diese Technologie wird nicht wieder verschwinden. Und die Entwicklung war so schnell, dass ich nicht mein Leben lang mit Halbwissen hinterherlaufen wollte.

Also beschloss ich, wieder zu lernen.

Nicht, weil ich KI selbst entwickeln oder Programmierer werden wollte. Auch nicht, weil ich sie missionarisch feiern oder grundsätzlich verteufeln wollte. Ich wollte verstehen: Was kann sie? Was kann sie nicht? Wo liegen ihre Grenzen und Gefahren? Und an welcher Stelle entsteht ein echter Wert für Menschen?

Ich beschäftigte mich nicht nur mit Anwendungen, sondern auch mit philosophischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen: Was bedeutet Intelligenz? Was bedeutet Autonomie? Wer übernimmt Verantwortung, wenn Systeme Entscheidungen vorbereiten, beeinflussen oder automatisieren? Wer baut diese Systeme, mit welchem Ziel – und wer profitiert davon?

Angst wollte ich dabei nicht zu meinem Kompass machen. Angst ist ein schlechter Berater. Mein Ansatz blieb: erst verstehen, dann bewerten.

Die Weiterbildung führte mich durch Grundlagen, Modelle, Machine Learning, Deep Learning, Prompting, Governance, Datenschutz, Ethik, Bias, Halluzinationen, Automatisierung und Geschäftsmodelle. Es war anstrengend und gleichzeitig eine der besten Entscheidungen, die ich treffen konnte.

Plötzlich fand ich Worte für Dinge, die ich vorher eher gefühlt hatte.

Ich verstand besser, warum ein Sprachmodell keine Wahrheit kennt, sondern wahrscheinliche sprachliche Fortsetzungen erzeugt. Warum ein System überzeugend klingen und trotzdem falschliegen kann. Warum Quellenprüfung unverzichtbar bleibt. Und warum Bias nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist.

Besonders wichtig wurde für mich der Confirmation Bias. Wenn ich KI nur so benutze, dass sie bestätigt, was ich ohnehin glaube, wird sie nicht zu einem intelligenten Gegenüber. Dann verstärkt sie lediglich meine eigenen blinden Flecken.

Deshalb brauche ich Quellen, Gegenfragen, Perspektivwechsel, Erfahrung, Bauchgefühl – und manchmal ganz bewusst Widerspruch.

KI darf mir helfen zu denken

KI darf mir helfen zu denken. Aber sie darf mir das Denken nicht abnehmen.

Sie darf mir Optionen zeigen, aber nicht ungeprüft meine Entscheidungen treffen. Sie darf mich beschleunigen, aber mich nicht unbemerkt führen.

Heute ist KI für mich Assistent, Bibliothekar, Sparringspartner, Übersetzer, Lektor, Mustererkenner, Lehrer, Softwarehelfer und Co-Produzent. Sie hilft mir, Gedanken zu sortieren, Ideen zu testen, Texte zu entwickeln, Konzepte zu prüfen und Dinge zu bauen, für die ich früher ein ganzes Team gebraucht hätte.

Aber sie ist für mich kein Ersatz für den Menschen. Sie ist ein Verstärker.

Deshalb ist Human-in-the-Loop für mich kein modisches Schlagwort, sondern der entscheidende Punkt: Der Mensch muss im Prozess bleiben. Nicht aus Nostalgie, Eitelkeit oder Angst vor Maschinen, sondern weil Verantwortung nicht automatisiert werden darf.

Eine KI erlebt nicht.

Sie fühlt nicht.

Sie trägt keine Konsequenzen.

Sie kennt keine Schuld.

Sie kennt keine Sehnsucht.

Sie kennt nicht den Blick der Mutter in Tapachula oder das Leuchten in den Augen ihres Sohnes. Sie kann Muster erkennen. Aber sie kennt nicht die gelebte Bedeutung eines Moments.

Genau dort liegt für mich die Grenze – nicht als Mauer gegen Technologie, sondern als Erinnerung daran, wofür Technologie da sein sollte.

Sie sollte Menschen nicht kleiner machen, sondern ihre Möglichkeiten erweitern. Sie sollte nicht ausschließlich Effizienz erzeugen, sondern Zugang schaffen. Nicht nur Arbeit ersetzen, sondern neue Räume für Ausdruck öffnen.

Vom „Du musst“ zum „Du darfst“

Vielleicht bewegen wir uns langfristig von einer reinen Arbeitsgesellschaft stärker in Richtung einer Sinn- und Bedeutungsgesellschaft. Ob dieser Übergang gelingt, weiß ich nicht. Er wird sicher nicht automatisch gerecht oder reibungslos verlaufen.

Aber in dieser Technologie liegt eine Chance: Wir könnten manche „Du musst“-Strukturen lockern und mehr „Du darfst“-Räume schaffen.

Du musst nicht

alles selbst programmieren, um eine Idee zu testen. Nicht Grafikdesign studiert haben, um eine Vorstellung auszudrücken. Nicht perfekt Englisch sprechen, um international zu kommunizieren. Nicht jahrelang Musiktheorie gelernt haben, um eine erste musikalische Skizze hörbar zu machen.

Aber du darfst

weiterhin analog aufnehmen, selbst malen, Code Zeile für Zeile schreiben, stundenlang an einem Sound arbeiten, Noten lernen, ein Instrument üben und Texte von Hand schreiben.

KI nimmt dem Handwerk nicht automatisch seinen Wert. Sie verändert zunächst den Zugang.

Und genau das berührt mich. Denn am Ende geht es nicht um die Maschine. Es geht um den Menschen davor: um jemanden, der eine Idee hat und nicht weiß, wie er beginnen soll; der etwas fühlt, aber keine Sprache dafür findet; der etwas bauen möchte und bisher an der Technik scheitert; der kreativ ist, sich selbst aber nie so gesehen hat.

Die Werkzeuge haben sich verändert

Genau dort war ich früher mit Plattenspielern, Controllern, Samplern, Instrumenten und Produktionssystemen unterwegs. Und genau dort bin ich heute mit KI.

Die Werkzeuge haben sich verändert. Der Kern nicht.

Damals stand ein Junge in Tapachula vor einem DJ-Setup und sah für einen Moment eine Zukunft, die vorher unerreichbar wirkte. Heute sitzen Menschen vor KI-Systemen und erleben etwas Ähnliches:

Ich kann mehr ausdrücken, als ich dachte.

Ich kann schneller lernen.

Ich kann meine Idee sichtbar machen.

Ich kann etwas bauen.

Genau da möchte ich stehen. Nicht als jemand, der behauptet, KI löse alles. Und nicht als jemand, der behauptet, KI zerstöre alles. Sondern als jemand, der Brücken baut: zwischen Mensch und Technologie, Begeisterung und Verantwortung, Kreativität und Governance, Zukunft und gesundem Menschenverstand.

Ich glaube nicht an KI statt Mensch. Ich glaube an KI mit Mensch.

Vielleicht ist das die einfachste Antwort auf die Frage, was KI mit mir zu tun hat: Ich habe mein Leben lang Werkzeuge geliebt, die Menschen einen neuen Zugang zu ihrem eigenen Ausdruck geben. Früher waren es Plattenspieler, Controller, Sampler und Instrumente. Heute ist KI hinzugekommen.

Der entscheidende Moment ist derselbe geblieben: Ein Mensch merkt, dass etwas in ihm sichtbar werden darf.

Wenn Technologie dazu beitragen kann, dieses Leuchten in den Augen eines Menschen entstehen zu lassen, weiß ich ziemlich genau, warum ich mich damit beschäftige.

Geigen wachsen auch nicht auf Bäumen

Zum Schluss denke ich an einen Satz meines verstorbenen Freundes Klaus Schulze. Als elektronische Klangerzeugung noch grundsätzlich infrage gestellt wurde, erinnerte er daran, dass auch vermeintlich traditionelle Instrumente von Menschen gebaut werden:

„Geigen wachsen auch nicht auf Bäumen!“— Klaus Schulze

Der Satz stammt aus einer anderen technologischen Zeit. Aktueller könnte er kaum sein.