Ich habe mich hinter den Decks nie als Mittelpunkt des Raumes verstanden. Eher als jemand, der für eine bestimmte Zeit Verantwortung für dessen musikalische Energie übernimmt.
Das klingt vielleicht zurückhaltend für eine Tätigkeit, bei der eine Person sichtbar vor vielen anderen steht. Aber genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Bedeutung. Ein DJ kann sehr präsent sein. Trotzdem entsteht der Abend nicht durch ihn allein.
Da sind Menschen, Erwartungen, Gespräche, Müdigkeit, Vorfreude, Licht, Temperatur, Architektur und all die Dinge, die niemand geplant hat. Die Musik trifft nicht auf eine neutrale Fläche. Sie trifft auf einen lebendigen Raum.
Ich stand zuerst am Rand
Vielleicht kommt meine Haltung daher, dass meine DJ-Geschichte nicht direkt hinter den Plattenspielern begann. Nach meinem wenig erfolgreichen Versuch als Kellner landete ich zunächst an der Lichtanlage.
Ich stand seitlich. Ich beobachtete DJs, Publikum und Dynamik. Ich sah, wie sich Körperhaltung und Aufmerksamkeit mit einem Track veränderten. Wie ein Raum enger werden konnte, wenn zu viel Druck entstand. Und wie manchmal eine einzige Platte reichte, damit Menschen plötzlich auf die Tanzfläche strömten.
Später erlebte ich diese Rückkopplung selbst. Als ein Resident krank nach Hause musste, ließ er mir seine Platten und ich spielte mehrere Stunden weiter. Ich kannte seine Kiste nicht vollständig und griff stärker auf die Titel zurück, zu denen ich bereits eine Beziehung hatte. Dann kam dieser Moment: die richtige Platte, die richtige Sekunde – und der Raum veränderte sich.
Das war keine Macht über Menschen. Es war Resonanz.
Ein guter DJ kontrolliert den Raum nicht. Er hört ihm zu.
Gastgeber statt menschliche Jukebox
Gastgebersein bedeutet für mich nicht, jeden Wunsch ungeprüft zu erfüllen. Ein Gastgeber stellt schließlich auch nicht die Möbel im Minutentakt um, nur weil jemand danach fragt.
Ich bringe meine Auswahl, Erfahrung, Haltung und eigene Musik mit. Menschen dürfen erwarten, dass darin eine erkennbare Richtung steckt. Gleichzeitig darf diese Richtung nicht so starr werden, dass der reale Abend darin keinen Platz mehr hat.
Eine menschliche Jukebox reagiert auf Zuruf. Ein Gastgeber versucht zu verstehen, was eine Situation wirklich braucht. Das kann dasselbe Lied sein – muss es aber nicht.
Für mich entstehen deshalb die besten Sets zwischen Vorbereitung und Offenheit. Ich kenne meine Musik. Ich bereite eigene Produktionen und Gig-Versionen vor. Ich weiß, welche Wege ein Set nehmen könnte. Aber ich möchte nicht schon vor dem ersten Track so tun, als wüsste ich, was zwei Stunden später passieren wird.
Nicht jeder Raum braucht denselben Druck
Mein heutiger Schwerpunkt liegt zwischen House, Afro House, Afro-Tech-House, Tech House und Techno. Trotzdem ist Genre für mich keine militante Grenze.
Ein Club braucht etwas anderes als ein Festival. Eine Hauptbühne verlangt eine andere Konzentration von Energie als ein kleiner Raum. Ein Sunset-Set muss nicht permanent nach vorne drängen. Chill House und Downtempo können einen Ort tragen, ohne von jedem Menschen ununterbrochene Aufmerksamkeit zu fordern.
Beim P&C Clubbing habe ich über Jahre in einer besonders interessanten Situation gespielt. Die Menschen waren primär zum Einkaufen dort, nicht wegen eines DJs. Gerade deshalb ließ sich sehr direkt beobachten, was Musik mit einem Raum macht: Welche Tracks öffneten ihn? Welche machten ihn nervös? Wann bewegten Menschen sich fast unmerklich anders?
Musik war dort kein Hauptprogramm und trotzdem wirksam. Diese Erfahrung hat meine Vorstellung von Auflegen stark geprägt.
Menschen dürfen fühlen
Die Frage, was Menschen während meines Sets fühlen sollen, finde ich schwierig. Ich möchte niemandem vorschreiben, welches Gefühl richtig ist.
Sie dürfen Freude empfinden.
Sie dürfen loslassen.
Sie dürfen in sich hineingehen.
Sie dürfen den Kopf freibekommen.
Sie dürfen auch einfach den Arsch bewegen und nichts denken.
Vielleicht ist das die Aufgabe eines guten musikalischen Raums: Er erklärt nicht, was geschehen muss. Er ermöglicht etwas.
Mein Sound darf deep und tanzbar sein. Er darf Menschen antreiben oder begleiten. Entscheidend ist, dass zwischen Musik und den Menschen etwas Echtes entstehen kann – auch wenn jeder dabei etwas anderes erlebt.
Erfahrung heißt nicht, alles vorher zu wissen
Nach mehr als drei Jahrzehnten Musik könnte man meinen, Erfahrung bedeute, für jede Situation eine fertige Antwort zu besitzen. Für mich bedeutet sie eher, im richtigen Moment entscheiden zu können.
Wann braucht ein Set Energie? Wann Luft? Wann darf ein Track überraschen? Wann muss man einer Idee Zeit geben? Und wann ist die beste Entscheidung, einen guten Moment nicht mit dem nächsten Effekt zu zerstören?
Diese Fragen lassen sich nicht vollständig vorbereiten. Man kann nur lernen, genauer hinzuhören.
Der DJ ist nicht der Mittelpunkt des Raumes. Aber er kann dazu beitragen, dass der Raum seinen Mittelpunkt findet.
Vielleicht verstehe ich deshalb auch Produzieren, Moderieren und Produktentwicklung als Formen des Gastgeberseins. Das Medium wechselt. Die Haltung bleibt: aufmerksam sein, Resonanz wahrnehmen und nicht alles mit der eigenen Person verstellen.
